Dr. Georg Werckmeister 2007
Bis in die jüngere Vergangenheit hat die Subjektive Logik oder die Logik des Begriffs bei den Interpreten der Wissenschaft der Logik wenig Aufmerksamkeit gefunden[1]. Insbesondere ist bisher eine eigene Untersuchung über den absoluten Schluss nicht vorgelegt worden. Das scheint seinen Grund darin zu haben, dass die - wenigen - Autoren, die die entsprechende Textstelle in der Wissenschaft der Logik überhaupt behandelt haben, ihn nicht als logische Figur sui generis betrachtet, sondern ihn mit dem (dreifachen) Schluss der philosophischen Wissenschaft in der Enzyklopädie gleichgesetzt haben[2], also die Metastruktur mit einer ihrer Manifestationen[3]. Es ergibt sich jedoch eindeutig aus den Hegelschen Texten, dass der Schluss der Philosophie lediglich ein Beispielfall des absoluten Schlusses ist, wenn Hegel an der einschlägigen Stelle letzteren folgendermassen charakterisiert: „Der objektive Sinn der Figuren ist überhaupt der, dass alles Vernünftige sich als ein dreifacher Schluss erweist, und zwar dergestalt, dass ein jedes seiner Glieder ebensowohl die Stelle eines Extrems als auch die der vermittelnden Mitte einnimmt“, und dann fortfährt: „Dies ist namentlich der Fall mit den drei Gliedern der philosophischen Wissenschaft, d. h. der logischen Idee, der Natur und dem Geist.“ Das Wort „namentlich“ zeigt wohl überdeutlich, dass der Schluss der Philosophie eine Manifestation, unscharf ausgedrückt ein Anwendungsfall des davor benannten dreifachen Schlusses ist, der am Schluss des Absatzes explizit absoluter Schluss genannt wird. - Ganz entsprechend verhält es sich mit dem Schluss der Gesellschaft, über den Hegel am Ende der Darstellung eine Verallgemeinerung vornimmt, indem er ausführt: „Es ist nur durch die Natur dieses Zusammenschliessens, durch diese Dreiheit von Schlüssen derselben terminorum, dass ein Ganzes in seiner Organisation wahrhaft verstanden wird.“ Auch daraus geht hervor, dass die Dreiheit von Schlüssen nicht allein den Schluss der Gesellschaft kennzeichnet, sondern auf einer Metaebene darüber liegt. Dasselbe ergibt sich aus einer seiner Vorlesungen: „Jeder der besonderen Schlüsse drückt den Begriff in einer seiner Bestimmtheiten aus, und jedes der drei Begriffsmomente ist somit selbst als ganzer Schluss. Der Begriff ist somit vollständig realisiert als ein Kreis der Vermittlung, nämlich als die Dreiheit der Schlüsse, deren jeder die Dreiheit der Begriffsbestimmungen ist. In ihrer wahren Bestimmtheit sind es die Schlüsse der Notwendigkeit, und das Vernünftige überhaupt in seiner entwickelten, wirklichen Totalität ist diese Dreiheit der Schlüsse.“[4]
Die grosse Zahl an
vorgelegten Untersuchungen[5]
lässt die Bedeutung erkennen, die den dreifachen Schlüssen von den Interpreten
beigemessen wird. Es ist hier aus Gründen des Umfangs nicht möglich, sie alle
im Detail abzuhandeln. Vielmehr sollen in einem Überblick die wesentlichen
Interpretationsrichtungen herausgearbeitet werden; im Anschluss wird dann ein
Teil der Abhandlungen exemplarisch dargestellt[6].
Nach einigen
Stellungnahmen, die sich auf eine Wiedergabe bzw, Bewertung beschränken, aber
keine logische Strukturierung[7]
vornehmen, haben sich zwei Hauptrichtungen der Interpretation herausgebildet.
Die eine legt den dreifachen Schlüssen die Schlussfiguren aus Hegels
Subjektiver Logik zugrunde[8],
während die andere in den drei Schlüssen eine Strukturierung verschiedener
Werke Hegels[9],
vornehmlich der Enzyklopädie, erblickt. Beide schliessen sich jedoch
nicht aus.
Wohl die aktuellste
Einschätzung des Forschungsstandes bis zum Erscheinen seines Buches Hegels
drei Schlüsse hat 2004 Füzesi gegeben, wenn er sagte: “Keiner dieser
Vorschläge hat bisher aber zum ‚Durchbruch’ im Sinne dessen geführt, dass man
das Problem der drei Schlüsse hätte als gelöst ad acta legen können. So
ist die Forderung FULDAs … nach einer konsensfähigen inhaltlichen
Interpretation der drei Schlüsse immer noch gültig; und seine Auflage, diesen
in subtilster Interpretationsarbeit auf die Schliche kommen zu sollen, dem zu
bewältigenden Problem auch angemessen.“[10]
Es sollen deshalb einige der Stufen nachgezeichnet werden, über die sich der
Erkenntnisprozess dem Thema genähert hat.
Eine umfangreiche Untersuchung, bei der der von ihm so genannte „Urschluss“ eine wichtige Rolle einnimmt[11], hat Van der Meulen 1958 in seiner Habilitationsschrift Hegel. Die gebrochene Mitte vorgelegt. Dass dieser Urschluss identisch ist mit Hegels absolutem Schluss, sagt er ausdrücklich[12], ohne sich allerdings auf die entsprechenden Textstellen bei Hegel zu beziehen. Der als Urschluss bezeichnete absolute Schluss wird auch von ihm nicht als übergeordnete Schlussfigur angesehen, sondern mit dem Schluss von Idee, Natur und Geist gleichgesetzt[13]. Dass der Schluss die Explikation der drei Begriffsmomente des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen ist, wird von ihm ebenso hervorgehoben[14] wie der Umstand, dass der Schluss „sich als die wahre Gestalt des Begriffes, der höchsten Kategorienstufe somit, bestimmt hat“[15]. Er gibt die in der Subjektiven Logik aufgeführten Schlüsse, gruppiert nach den Schlüssen des Daseins, der Reflexion und der Notwendigkeit, wieder und interpretiert sie hauptsächlich mit Bezug auf Aristoteles und Kant. Zusammengefasst nennt er sie den Subjektiven Schluss und unterscheidet sie so von dem Objektiven Schluss. Letzterer ist die Zusammenfassung des mechanischen, chemischen und teleologischen Schlusses aus Hegels Abschnitt über die Objektivität in der Wissenschaft der Logik. Etwas distanziert geht er auf den dreifachen Schluss ein, wenn er sagt: “Dieser Schluss soll jedoch, als eine in sich geschlossene Totalität, seine drei Momente als Mitten durchlaufen und sich so zu einem Schluss von Schlüssen entwickeln.“[16] In der Kommentierung des chemischen Schlusses führt er folgendes aus: „In diesem Prozess, der sich wiederum in drei Schlüssen expliziert, bricht auch die Gebrochenheit der Mitte auf dieser Stufe wieder auf.“[17]
Hier wird die Gebrochenheit
des Zugangs deutlich, den Van der Meulen zu dem dreifachen Schluss Hegels hat.
Vollkommen im Einklang mit dem Grundmotiv seiner Abhandlung, die im Titel zum
Ausdruck gebracht wird, ist sein leitendes Interesse der Nachweis, dass die
Mitte eines jeden Schlusses eine gebrochene ist, wie dies in der Tat von Hegel
beim Schluss der Teleologie ausgeführt wird, dessen Mitte in Mittel und
Tätigkeit gebrochen ist[18].
Diese Gebrochenheit der Mitte verallgemeinert Van der Meulen über die gesamte
Hegelsche Logik, ja die Philosophiegeschichte, beginnend bei Parmenides, dessen
in der Mitte stehende göttliche Macht, die alles lenkt, in die Göttinnen Recht
und Notwendigkeit, gedoppelt sei[19].
Er fokussiert seine Arbeit auf den Nachweis, dass aus dieser gebrochenen Mitte
und damit deren Verdoppelung die quaternio terminorum resultiere[20],
der Schluss also nicht drei, sondern vier Glieder umfasse und deshalb bei Hegel
an die Stelle der Triaden regelmässig Tetraden[21]
treten müssten. Dabei wird übersehen, dass die Doppelung der Mitte nichts
anderes ist als das Auseinandertreten in die Realität und deren
Mannigfaltigkeit, die beim anschliessenden Zusammenschluss wieder in die
Einheit zurückgeführt wird.
So ist es nur
folgerichtig, wenn er in seinem Schlusskapitel über den Urschluss auch diesen
als gebrochen bezeichnet und daraus als wesentliches Ergebnis ableitet, dass
die Mitte „zu keiner endgültigen und geschlossenen Totalität kommen darf, und
so die immer über jede Gegebenheit hinausweisende Freiheit des Menschen
begründet.“[22]
Wie wenig ihm an einem wirklichen Nachvollzug des dreifachen Schlusses gelegen
ist, zeigt sich an seiner Rekapitulation des absoluten Schlusses in den letzten
Paragraphen der Enzyklopädie. Hier interpretiert er den ersten der drei
Schlüsse, dessen Abfolge lautet: „Idee - Natur - Geist“, in folgender Weise:
„Die Natur ist gleichsam der Mutterboden, dem der Geist entsteigt…“ In Wahrheit
ist aber in diesem Schluss die Idee der Mutterboden, dem die Natur entsteigt.
Seine Schlussfolgerung nach diesen drei Schlüssen der Philosophie ist die innere Unhaltbarkeit des Hegelschen Systems, die er „zugunsten einer Aufweisung seiner weiterweisenden Problematik und eines reineren Begriffes seiner Methode aufzuzeigen versucht habe“[23]. Hegels System versuche lediglich vorzutäuschen, dass „das Ganze ein vollkommener Schluss vollendeter Selbstvermittlung sei(n), die Hegel denn auch als Schluss von Logos, Natur und Geist, den wir Urschluss nannten, darstellt.“[24]
Methodisch ist dieses
Vorgehen dadurch gekennzeichnet, dass Hegel nicht aus seinen eigenen
Voraussetzungen, nicht immanent erklärt und verstanden werden soll, sondern an
einem von aussen herangetragenen Masstab. Auch wenn es sich um eine bedeutende
wissenschaftliche Leistung handelt, ist damit die Aufgabe nicht gelöst, den absoluten
oder auch nur den Urschluss als einen wichtigen Schlüssel zum Hegelschen System
zu rekonstruieren und verfügbar zu machen. Folgt man Van der Meulen, dann
schliesst der Schluss seine Momente nicht zusammen, sondern bricht sie
auseinander, leistet also gerade nicht den Zusammenschluss.
In einer theologischen Abhandlung hat
Bruaire 1964 den ersten, den syllogistischen Interpretationsweg ausführlich
verfolgt. Angesichts des theologischen Themas nimmt es nicht wunder, dass sein
wesentliches Erkenntnisinteresse darin besteht, die christliche Dreieinigkeit
mit Hegels Schlussystem logisch zu begründen: „la triple forme de syllogisme
permet une exposition complète de la Trinité.“[25]
Er legt zunächst die Urteils- und Schlusslogik Hegels in den Grundzügen dar und
wendet sie sodann wie selbstverständlich auf den dreifachen Schluss der
Religion an, ohne diesen Schritt jedoch methodisch zu begründen. Er stösst
dabei - ohne es zu bemerken - auf die prinzipielle Schwierigkeit, dass die drei
von ihm verwendeten „Schlüsse“, der Schluss des Daseins (der qualitative), der
Reflexion und der Notwendigkeit ja keine eigenen Schlussfiguren, sondern nur
Überschriften und Zusammenfassungen von jeweils drei Schlussfiguren sind. So
charakterisiert er den ersten Schluss der Religion, den er mit den drei
Begriffsmomenten Universel - - Particulier - Singulier strukturiert,
folgendermassen: „Cette superposition adéquate à la première figure générale du
syllogisme“. Der genannten Schwierigkeit überhebt er sich elegant, indem er,
was im Text fast untergeht, die Schlüsse des Daseins zusammenfassend als
„figure générale“ bezeichnet. Dadurch ist es allerdings nicht möglich, eine
präzise Schlusstruktur in den Schlüssen der Religion aufzuzeigen. Analog
verfährt er natürlich auch bei der Behandlung der drei Schlüsse der
Philosophie, die er übrigens ebenfalls theologisch als Dreifaltigkeit auslegt,
z. B. den zweiten Schluss:
Nature - Esprit - Logique
Particulier - Singulier -
Universel
Fils - Esprit - Père
„La forme du second [syllogisme de
l’Idée absolue] coïncide avec la seconde figure de la logique“. „C’est le syllogisme de la réflexion
spirituelle dans l’Idée“[26].
Hier wird der Kunstgriff deutlich: Weil der zweite Schluss der Philosophie sich
in der Sphäre der Reflexion bewegt, parallelisiert Bruaire ihn „mit der zweiten
Schlussfigur der Logik“, dem Reflexionsschluss, den es aber gar nicht gibt,
sondern der eine Überschrift für die Schlüsse der Allheit, der Induktion und
der Analogie ist.
Das von ihm gewählte, aber nicht
explizit dargelegte Verfahren expliziert Jarczyk in aller Klarheit, wenn sie
schreibt: „Ainsi en va-t-il, d’ailleurs, de ces mêmes trois classes de
syllogisme dans le chapitre que Hegel leur consacre à l’intérieur de sa
„Logique subjective“: syllogisme de l’être-là, syllogisme de la réflexion et
syllogisme de la nécessité viennent en explication de l’unique „syllogisme“ qui
soit, - celui qui exprime le concept comme cercle et comme cercle de cercles.“[27] Korrekterweise
spricht sie von „Klassen von Schlüssen“, geht dann aber, durchaus auf der
richtigen Suche nach einem übergreifenden Schluss, zu dem nicht näher
präzisierten Konzept des Kreises von Kreisen[28]
über.
Auch für Fulda ist der Gegenstand der
drei Schlüsse die Wissenschaft[29].
Er bezeichnet den absoluten Schluss als wesentlichen Bestandteil einer
Logik-Interpretation; es ist dies für ihn „Der Schluss des absoluten Geistes:
die Wissenschaft“ in den §§ 575-577[30].
Ausdrücklich ordnet er die drei Schlüsse, deren Lehre, wie er sagt, eine
eingehendere Darstellung verdiente[31],
den Schlussarten der Subjektiven Logik zu:
1) Der Schluss des Daseins:
§ 575
2) Der Schluss der Reflexion: §
576
3) Der Schluss der Notwendigkeit: § 577.[32]
Er wendet sich gegen Lasson und Van der Meulen mit ihrer Auffassung, dass die drei Schlüsse eigenständige philosophische Disziplinen, ob ausgeführte oder unausgeführte, seien. Es handele sich vielmehr nur um eine Definition der vorausgegangenen Wissenschaft[33].
Theunissens Anliegen in seinem Theologisch-politischen
Traktat ist der Nachweis, dass der absolute Geist nichts anderes ist als
der in Christus offenbarte Gott[34].
In diesem Sinne interpretiert er ausführlich die drei Schlüsse der
geoffenbarten Religion und der philosophischen Wissenschaft, wobei er auch
deren schlusslogische Struktur behandelt. Auch für ihn ist dabei das
syllogistische Schema massgeblich, wenn er sie
als Daseinsschluss, Reflexionsschluss
und Schluss der Notwendigkeit kennzeichnet[35].
Mehrfach geht er darauf ein, dass die Reihenfolge des Schlusses E - B - A mit
seiner Umkehrung A - B - E kongruent sei[36].
Den Abschnitt y) 2. aus §
570 der Enzyklopädie interpretiert er als einen in sich abgeschlossenen
Reflexionsschluss, also eine Schlussart aus der Subjektiven Logik, der der
Figur A (B) - E - B (A) folge. Als dessen Mitte (der Einzelheit) bezeichnet er
„die Versöhnungsleistung der menschlichen Konversion, das der Sündigkeit
Absterben“. An diesem Beispiel wird deutlich, dass er in die Schlussglieder
recht komplexe Sachverhalte hineinlegt, deren subtile Konstruktion einer
gewissen Beliebigkeit nicht entbehrt, wie Heede dazu bemerkt[37].
Nach der weiter unten ausgeführten Argumentation handelt es sich bei der
behandelten Textstelle nicht um einen Schluss, sondern nur um eine seiner
Prämissen.
Die Schlüsse der Religion
kann Theunissen natürlich nicht „literarisch“ interpretieren, schliesst sich
aber dieser Auslegung für die drei philosophischen Schlüsse an, wenn er Lasson
zustimmt, dass Hegel im § 575 auf den Gang der Enzyklopädie - und zwar
kritisch - zurückblicke[38].
Er fügt aber eine neuartige Interpretation hinzu: die drei Schlüsse der
Philosophie - deren Ertrag er als „dürftig“ charakterisiert - erschliessen
nicht etwa neue Wahrheit, sondern haben im Gegenteil ihre eigene Wahrheit in
den drei Schlüssen der geoffenbarten Religion[39].
Wenn er demgemäss die drei Schlüsse der Religion und der Philosophie in
Beziehung setzt, begegnet man einer erstaunlichen Gleichsetzung:
„Was Hegel in seiner Philosophie des Christentums Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit nennt, bezeichnet er in seiner Philosophie der Philosophie als das Logische, die Natur und den Geist.“[40]
Er nennt das, was in Wahrheit eine logische Zuordnung der Schlussglieder zu den Begriffsmomenten ist, einen „Wechsel des Ausdrucks“ auf der sprachlichen Ebene und betont, dass man die zweite Begriffstrias in die erste übersetzen dürfe. So nimmt es nicht wunder, wenn er den Umstand nicht behandelt, dass die Schlussglieder und Begriffsmomente die Kreisbewegung, von der er spricht[41], durch ihren Stellenwechsel vollziehen. Für ihn steht im Vordergrund, dass die Theorie der geoffenbarten Religion Hegels System korrigiert habe, das in den Schlüssen der Philosophie nochmals eine Korrektur erfahre[42]. Der dritte Schluss der Religion bewirke, dass der dritte Schluss der Philosophie „sich nur christologisch vollenden kann.“ Philosophie könne sich der ursprünglichen Macht des absoluten Geistes auf keine andere Weise versichern als durch die Offenbarung Gottes als Geist[43]. Heede äussert die Auffassung, Theunissen wolle Hegel grundsätzlich eine Reduktion der Philosophie auf die Religion unterstellen[44].
Heede hat 1972 eine religionswissenschaftliche Dissertation vorgelegt, in der er nicht nur die drei Schlüsse des Glaubens, sondern auch die der Philosophie und deren Verhältnis zueinander mit grosser Detailkenntnis und eingehendem Verständnis untersucht hat. Sein Anliegen war nicht, einen eigenen Interpretationsansatz einzubringen, sondern die bis dahin vorliegenden Arbeiten zu sichten und zu bewerten, unter anderem mit dem Ziel, sie zu dokumentieren und zu archivieren, damit nicht wieder, wie er kritisiert, vielleicht noch brillantere Untersuchungen über Fragen angestellt werden, die schon beantwortet sind, weil der eine Autor die einschlägige Arbeit des anderen nicht kennt. Dies stellt er mit Bedauern im Verhältnis zwischen Fulda und Theunissen fest. Er formuliert sachgerecht und präzise die Aufgabenstellung, nämlich die syllogistische Struktur der drei Schlüsse aufzuklären und „die operativen Triaden zu ermitteln, die Hegel tatsächlich zur Konstruktion herangezogen hat.“[45]
Auch Heede vertritt die
„literarische“ These, und zwar in der Weise, dass die §§ 574-577 die vier Teile
des philosophischen Systems thematisieren, und damit ist eindeutig die
schriftliche Niederlegung dieses Systems gemeint: Logik, Naturphilosophie,
Philosophie des endlichen Geistes und die des absoluten Geistes[46].
Er gibt, wie verschiedene andere Autoren, den Rückgriff Hegels auf das „schöne
Band“ Platons im Timaios wieder[47],
ohne ihn allerdings näher zu erläutern. Wenn man dieses Zitat ernst nimmt,
müssten die Beziehungen zwischen den Elementen Feuer und Erde, zwischen denen
Gott das Wasser und die Luft in die Mitte gestellt hat[48],
den Ausführungen Platons entsprechend ins Verhältnis gesetzt werden.
Er hält den Weg für
unfruchtbar, wie er von Bruaire, Fulda, Chapelle, Theunissen und Léonard
beschritten wurde, nämlich „die detaillierten syllogistischen
Untergliederungen, die Hegel in der Logik deduziert, nun auch in den
Schlüssen von Religion und Philosophie aufzudecken.“ Dessen ungeachtet stellt
er diese Untersuchungen im einzelnen dar und bewertet sie, vorrangig in der
Absicht, ihre hermeneutischen Aporien herauszuarbeiten[49].
Dabei gelingt ihm eher beiläufig ein Stück der Entschlüsselung der drei
Schlüsse der Philosophie, auf der später Füzesi aufbauen wird[50].
Das Ergebnis seiner Arbeit bezüglich der von den anderen
Autoren vorgelegten Untersuchungen ist, „dass dem nicht so sei“, er mithin -
seiner aporetischen Absicht entsprechend - den Standpunkt der bloss negierenden
„Reflexion“ einnehme.
Wie die Einschätzung der verschiedenen
Autoren bezüglich der Bedeutung und des Schwierigkeitsgrades ist, bringt
besonders deutlich Puntel zum Ausdruck: „Die Aufschlüsselung dieser Lehre (der
„drei Schlüsse“) ist eine der schwierigsten Aufgaben der Hegel-Interpretation.
Sie ist aber auch eine der wichtigsten Aufgaben, denn von einem Verständnis
dieser Paragraphen hängt die Interpretation des ganzen Hegelschen Denkens in
entscheidender Weise ab. Noch sind wir an dieser Stelle nicht in der Lage, eine
Interpretation dieser Lehre vorzulegen. Aufgabe dieser ersten Untersuchung ist
es zunächst, in angemessener Weise zu dieser Fragestellung hinzuführen.“[51]
Auch er vertritt die Auffassung, „dass in der Lehre der drei Schlüsse die
Problematik der Darstellung des Systems zur Sprache kommt“, wendet sich
hingegen gegen die „heute fast ausschliesslich[52]
vertretene Auffassung, derzufolge die drei Schlüsse nur als eine nachträgliche
methodologische Reflexion über die enzyklopädische Darstellung des Systems zu
deuten sind …“. Während die drei Schlüsse nach Fulda nur eine Definition der
vorausgegangenen Wissenschaft sind, es nur um den angemessenen Begriff des
Bisherigen gehe, nicht aber um eine neue Gestaltung der Wissenschaft[53],
betont Puntel den Darstellungscharakter: „Hegels endgültiges Denken erfordert
und kennt drei Darstellungsformen des Systems: diese werden in den drei
Schlüssen (bzw. als die drei Schlüsse) am Ende der Enzyklopädie
angedeutet und methodologisch artikuliert. Der zweite Schluss - und damit die
zweite Darstellungsform - entspricht der Phänomenologie von 1807 …[54]„
Die literarischen Interpretationen der „drei Schlüsse“ hat Geraets in drei Kategorien eingeteilt:[55]
1. Die drei Schlüsse beziehen sich
sämtlich auf die Enzyklopädie, und zwar auf deren einzelne Teile (Logik,
Naturphilosophie, Geistphilosophie), die durch die drei Schlüsse
zusammengeschlossen würden.
2. Sie beziehen sich auf die ganze Enzyklopädie.
3. Sie beziehen sich auf verschiedene
Werke oder Darstellungsformen der Hegelschen Philosophie.
Keine der Interpretationen geht also
davon aus, dass die drei Schlüsse das Ganze der Entwicklung der Welt
wiedergeben, das von der Philosophie schlussendlich sich selbst begreifend
erfasst wird, sondern nehmen an, dass der Schluss der Philosophie sich nur auf
sie selbst, auf die Philosophie (in der Hegelschen Darstellung) beziehen könne.
Die Hauptthese der Arbeit besagt, dass
sich die drei Schlüsse der Philosophie auf die Phänomenologie des Geistes
beziehen, und zwar der erste Schluss auf die Kapitel über Bewusstsein und
Selbstbewusstsein, der zweite auf Vernunft, Geist und Religion und der dritte
auf das absolute Wissen[56].
Diese These wird in seinem Buch in grosser Ausführlichkeit dargelegt. Er steht
damit - abgesehen davon, dass er nicht wie die meisten anderen Autoren die Enzyklopädie,
sondern die Phänomenologie als Gegenstandsbereich der drei Schlüsse
ansieht - im Einklang mit der literarischen Interpretation, vertritt aber auch
die syllogistische Auslegung, wenn er den Ausdruck „Schluss der (geistigen)
Reflexion“ im § 576 auf die Einteilung der Schlüsse in solche des Daseins, der
Reflexion und der Notwendigkeit[57]
bezieht. Indem er den Geist als das Individuelle, die Natur als die besondere
Wirklichkeit und damit implizit die logische Idee als das Allgemeine
gekennzeichnet hat[58],
hat er in zutreffender Weise die Glieder der Schlüsse mit den Begriffsmomenten
in Beziehung gesetzt.
In seiner Untersuchung über den
absoluten Geist zeichnet Steinherr dessen Entstehung und Entwicklung im Rahmen
des Hegelschen Systems, ausgehend von den Positionen Hegels in Bern 1793, bis
zum Ende der Enzyklopädie nach, wo der absolute Geist Kunst, Religion
und Philosophie umfasst und die Synthese aus subjektivem und objektivem Geist
bildet. Ausgangspunkt in Bern war das Bestreben Hegels, - noch innerhalb des
Kantischen Systems - einen Beitrag zu einer Revolution der menschlichen
Freiheit zu leisten, die diese vollständig über die Schranken der Sinnenwelt
oder Objektivität erheben sollte[59].
Steinherr kommt allerdings zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Hegel mit seinem
„Begriff“ des absoluten Geistes, weil er kein ausserhalb seines Systems
stehendes Kriterium zur Überprüfung von dessen Wahrheit zugelassen habe, selbst
zu dessen weitgehender Ablehnung und damit zu seiner Selbstisolierung
beigetragen habe[60].
In diesem Zusammenhang
behandelt er die „berühmten drei Schlüsse“ als das sich Selbstbegreifen der
Philosophie, „die in der Geschichte auftretende Wahrheit der absoluten Idee,
welche in ihrer prozessualen Einheit mit der konkreten Realität die Ewigkeit
der sich wissenden Vernunft erst konstituiert.“ Den dreifachen Schluss des
Glaubens gibt er zwar teilweise inhaltlich wieder[61],
erwähnt aber den Schlusscharakter nicht. Den ersten Schluss der Philosophie im
§ 575 der Enzyklopädie interpretiert Steinherr in der Weise, dass das
Logische, die Natur und der Geist als verschiedene Stufen derselben Substanz
erkannt werden, als ein einziger Zusammenhang. Jedes werde mit jedem
zusammengeschlossen. Es ergibt sich also im wesentlichen eine Identität der
„drei Seinsformen“. Im zweiten Schluss ist der Geist das Vermittelnde. Er
zeige, dass er selbst die eigentliche Mitte zwischen der vorausgesetzten Natur
und dem Logischen sei. Es wird hervorgehoben, dass Erkennen, Wissen wegen
seiner vermittelnden Funktion mit Tätigsein gleichzusetzen sei. Nach der
inhaltlichen Wiedergabe des § 576 der Enzyklopädie erfolgt - im
Anschluss an Geraets und Peperzak - die Abbildung der drei Schlüsse der
Philosophie und der ihnen vorhergehenden Paragraphen 573 und 574 auf die Enzyklopädie
der philosophischen Wissenschaften, die als Gegenstandsbereich der drei
Schlüsse angesehen wird. In der Interpretation des dritten Schlusses ergibt
sich für Steinherr „eine Bewegung, die weder Anfang noch Ende hat, sondern
ausschliesslich durch ihre Mitte bestimmt ist“, die sich wissende Vernunft. Es
sei gleichgültig, ob Natur oder Geist zum Vermittelnden gemacht würden, ob „das
Logische oder die Natur als Ausgangspunkt gewählt wurde“, es komme nur noch auf
die Mitte, die sich wissende Vernunft an. Wie schon beim ersten Schluss erfolgt
so eine gewisse Einebnung der Differenzen. Die eigenständige Bedeutung der
beiden anderen Glieder des Schlusses bleibt dabei ebenso ausser Betracht wie
der begriffslogische Charakter des Schlusses mit seinen Begriffsmomenten
Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit.
In ihrer Abhandlung Die drei Schlüsse der absoluten Vermittlung[62] behandelt die Autorin die drei Schlüsse des Glaubens, die im § 571 der Enzyklopädie benannt werden, und von denen es dort heisst, dass sie „den einen Schluss der absoluten Vermittlung des Geistes mit sich“ ausmachen. Weil dieser Schluss den Übergang vom Glauben zur Philosophie darstellt, stellt Csikós sich die Frage, ob die logische Form des mit dem Glauben verbundenen Schlusses dem wahrhaften Inhalt des Geistes adäquat sein könne. Den Glauben charakterisiert sie mit „zusammengefasster Einfachheit“, im Unterschied zur „vermittelnden Komplexität“ des Denkens. Diese Ausgangsfrage scheint nicht ganz zutreffend gestellt, denn Hegel kennzeichnet in dem angezogenen Paragraphen ja auch und gerade das Denken mit „immanenter Einfachheit“, in der aber auch die Entfaltung ihre Ausbreitung habe.
Um ihre Frage zu
beantworten, unternimmt es die Verfasserin, „den betreffenden Schluss aufgrund
des Textes zu rekonstruieren und mit der Theorie des Schlusses in der
Hegelschen Logik zu vergleichen.“ Auf die Rekonstruktion muss hier nicht im
einzelnen eingegangen werden; entscheidend ist die methodische Herangehensweise,
den Schluss bzw. die Schlüsse des Glaubens mit Hegels Schlusslehre -
einschliesslich der Urteilslehre - zu vergleichen. Diese Methodik wird nicht
weiter begründet. Sie verläuft so, dass zunächst die einzelnen Prämissen
daraufhin geprüft werden, ob sie einer der in Frage kommenden Urteilsarten
entsprechen. Die Prüfung verläuft bei beiden negativ: Sie lassen sich in keine
der in der Logik Hegels möglichen Urteilstypen einreihen.
Die beiden Prämissen
ergäben aber eine Konklusion, die „ein Schluss (sei), der aus drei Urteilen
besteht“. Dieser Schluss wird detailliert im Wortlaut wiedergegeben, auf dessen
Wiedergabe hier wiederum verzichtet werden soll. Dass eine Konklusion aus drei
Urteilen bestehe, kann kaum als zutreffend angesehen werden. Auch Hegels
Schlusslehre hat nichts daran verändert, dass ein Schluss aus drei Sätzen oder
Urteilen besteht, zwei Prämissen und einer Konklusion.
Nun wird der so gefundene
Schluss, der gleichzeitig die Konklusion eines Schlusses sein soll, auf die
Übereinstimmung mit einem der Schlüsse in Hegels Schlusslehre untersucht. Auch
diese Prüfung verläuft negativ. Weder könne es ein Verstandesschluss noch ein
Reflexionsschluss sein; auch von den Schlüssen der Notwendigkeit treffe weder
der kategorische noch der hypothetische noch der disjunktive Schluss zu. Dann
aber findet sich doch noch eine Übereinstimmung mit dem disjunktiven Schluss,
wenn auch keine inhaltliche, nämlich dass er ein verschwindender Schluss sei,
dass die Form des Schlusses sich selbst auflöse. Er sei kein wirklicher
Schluss, entspreche keiner Stufe und keiner Instanz des Schlusses als logischer
Form. Die drei Termini des Schlusses, der absolute Geist, Jesus und Mensch,
würden nicht ausgeglichen, gingen nicht in Identität über. Dass sie in Wahrheit
genau dies aber tun, zeigt sich bei der präzisen Wiedergabe und Analyse des
absoluten Schlusses.
In einer überraschenden
Wendung kommt die Autorin dann jedoch zu der Aussage, dass „dieser Schluss, der
keinen gewöhnlichen logischen Schluss darstellt und den Kriterien des Schlusses
nicht Genüge tut, eigentlich der alleinige wahrhafte Schluss ist“, der
Schluss par excellence. Dies wäre der Punkt, an dem nun eigentlich der absolute
Schluss oder, nach Van der Meulen, der Urschluss, eingeführt werden müsste. Er
scheint der Verfasserin aber nicht bekannt gewesen zu sein. Damit wäre eine
logische, rationale Strukturierung des Glaubensschlusses möglich gewesen,
während ihr so nur der Ausweg ins Unpräzis-Allgemeine bleibt.: „So befinden wir
uns hier an einem Grenzpunkt im Hegelschen System, wo der Standpunkt der Logik
über sich selbst hinausgeht und auf seinen weiteren metaphysischen Hintergrund
hinweist: der Masstab für alle Schlüsse - und zwar nicht nur für logische
Schlussfiguren - ist selbst kein Schluss als logische Form, wohl aber
die Entfaltung der metaphysischen Struktur des Zusammenschliessens mit sich
selbst“. Der Schluss wird in einen nicht berechtigten Gegensatz zum
Zusammenschliessen gestellt, so dass man letztendlich „nicht mehr
logisch folgern kann.“
Der durchaus
verdienstvolle Versuch, den Schluss des Glaubens logisch aufzuklären, hat also
deshalb nicht zu einem vollständigen Ergebnis geführt, weil die Schlussfigur
des absoluten Schlusses nicht zur Verfügung stand. Der Schluss des Glaubens
hätte auf Kongruenz mit dem absoluten Schluss, nicht mit den anderen Schlüssen
und den Urteilen der Hegelschen Schlusslehre untersucht werden müssen.
Den wohl aktuellsten Anlauf zur
Klärung der Thematik unternimmt Füzesi mit seinem 2004 vorgelegten Buch Hegels
drei Schlüsse. Er versteht darunter eindeutig die drei Schlüsse der
Philosophie[63];
dass es auch noch die drei Schlüsse der Religion gibt, spielt für ihn keine
Rolle. Die drei Schlüsse der Philosophie, bemerkt er gleich zu Anfang, hätten
bisher keiner konsensfähigen Interpretation zugeführt werden können. Der genaue
Sinn der Schlüsse sei immer noch unklar. Aus diesem Grunde macht er einen neuen
Vorschlag zur Deutung von Hegels Schlüssen. Zu diesem Behuf holt er sehr weit
aus „in das komplexe Ganze der Hegelschen Theorie“. Seine „Leitplanke“ ist
dabei „Hegels Begriff der Bewährung“: das Logische müsse sich in der
Realität bewähren, um wirklich zu sein[64].
Die drei Schlüsse garantierten den Abschluss von Hegels System, indem sie es
„selbstbegründeten“. Die Schlusslogik wird in aller Kürze wiedergegeben[65].
Den absoluten Schluss erwähnt er bereits zu Beginn[66],
dies aber in einer auffällig distanzierten Weise, indem er formuliert: „die
drei Schlüsse der Philosophie, die Hegel selbst als ‚absolut’ (vgl. E § 187
Zusatz...) verstanden haben wollte…“. Später kommt er, ohne ihn ausdrücklich zu
benennen, durch eine ausführliche Wiedergabe darauf zurück[67]:
„Alles Vernünftige und damit Wirkliche muss sich darüber hinaus als ein dreifacher
Schluss, ein Schluss aus drei Schlüssen, erweisen, weil die Einholung
dieser Reflexivität eine weitere Selbstabbildung ... der schlusslogischen
Struktur verlangt“. Er verwendet diese Struktur aber lediglich dafür zu
begründen, dass der Abschluss des Hegelschen Systems dieses System in seinen
ontosemantischen Grundzügen reflektieren müsse[68].
Den absoluten Schluss erkennt er nicht darin. Mit der Zirkularität und dem
Stellenwechsel, bei dem alle Begriffsmomente alle Stellen des Schlusses
einnehmen, benennt er einen wichtigen Grundzug der Hegelschen Schlusslogik[69].
Sehr treffend und knapp
gelingt es ihm, die schlusslogische Grundstruktur der drei Schlüsse sowohl mit
ihren Begriffsmomenten als auch den Schlussgliedern aufzuzeigen, in abgekürzter
Notation: § 575: LNG/ABE (Logik/Natur/Geist; Allgemeines/Besonderes/Einzelnes).
§ 576: NGL/BEA. § 577: GLN/EAB. Das ist ein Schritt über Heede hinaus, der nur
bis zu einer unvollständigen Entschlüsselung[70]
gelangt war. Damit ist in nuce der absolute Schluss decodiert, den Füzesi aber
als solchen nicht erkennt, da dieser für ihn mit dem dritten Schluss der
Philosophie identisch ist[71],
zuweilen auch mit allen drei Schlüssen[72].
Der Erkenntnisgewinn geht aber sogleich wieder verloren, weil der Autor sich in
einen unwesentlichen[73]
Seitenast verzweigt, nämlich die Frage, ob die Schlussglieder vertauschbar
sind, und sodann wieder versucht, die drei Schlüsse mit den Hegelschen
Schlussarten[74]
und -figuren aus der Subjektiven Logik zu erklären, was „nicht ganz
einfach“ sei[75].
Dieser für ihn wie für zahlreiche Autoren vor ihm anscheinend zwingende
Erklärungsansatz führt zu dem bescheidenen Ergebnis, dass der erste Schluss ein
Daseinsschluss, der zweite ein Reflexionsschluss und der dritte ein Schluss der
Notwendigkeit sei[76].
Dies sind, wie schon beschrieben, ja lediglich die Arten, also Überschriften
der Schlüsse. Von den eigentlichen Schlüssen, den Schlussfiguren, kommt nur der
disjunktive Schluss zum Tragen, der zunächst auf den dritten[77],
später alle drei[78]
angewandt wird. Ist man allerdings dieser Meinung, müsste der angeblich
disjunktive Schluss auch in seiner entsprechenden Form dargestellt werden:
A ist entweder B oder C
oder D,
A ist aber B;
also ist A nicht C noch D[79].
Für Füzesi liegt die Begründung dafür,
dass es sich um disjunktive Schlüsse handele, darin, dass jeweils das
vermittelnde Glied sich in seine Extreme entfaltet. Das kann keinesfalls
zutreffen; denn dann wäre schlechthin jeder Schluss disjunktiv. Angesichts
dieses unbefriedigenden Ergebnisses zieht er den - richtigen - Schluss, dass
die drei Schlüsse nicht allein schlusslogisch[80],
sondern auch inhaltlich erklärt werden müssten. Diese inhaltliche Erklärung
leidet jedoch an dem Mangel, dass die drei Schlüsse lediglich als eine
„Selbsterkenntnis der Philosophie“[81]
interpretiert werden, nicht des Weltganzen. Die verschiedenen
Interpretationsrichtungen teilt er in ENZYKLOPÄDIE-immanente und
ENZYKLOPÄDIE-transzendente ein[82].
Erstere beziehen sich auf die ENZYKLOPÄDIE als Ganzes[83]
oder auf deren einzelne Teile; letztere auf andere Werke Hegels. Erstaunlich
ist, dass er wie seine Vorläufer nicht auf den Gedanken kommt, die drei
Schlüsse der Philosophie könnten die Welt, die Realität erklären, wo doch sein
fundamentaler Interpretationsansatz[84]
die Bewährung der Logik in der Wirklichkeit ist[85].
Gegenstand der drei Schlüsse ist auch für ihn nicht die Realität, sondern die
Realität der Philosophie[86].
__________________
Für den Forschungsstand
insgesamt bleibt zu konstatieren, dass mit fast jeder der vorgelegten Arbeiten
ein signifikanter Fortschritt in der Interpretation der drei Schlüsse zu
verzeichnen war. Eine zureichende Erklärung wird aber erst dann zu erreichen
sein, wenn zwei wesentliche Grundannahmen verändert werden, von denen die eine
logischer, die andere inhaltlicher Natur ist: der absolute Schluss muss als
selbständige Schlussfigur behandelt werden, die sich in verallgemeinerter Form
als Metastruktur aus und über den Schlussfiguren der Subjektiven Logik ergeben
hat. Er darf nicht gleichgesetzt werden mit einem der drei Schlüsse,
insbesondere dem der Philosophie. Dazu gehört, dass er nicht mit Hilfe der
Schlussfiguren und Schlussarten aus der Subjektiven Logik strukturiert werden
kann.
Was den Inhalt der drei
Schlüsse der Philosophie betrifft, so behandeln sie nicht die Philosophie
allein, auch nicht in Schriften Hegels, insbesondere der Enzyklopädie,
sondern das Weltganze. Sie sind eine Erklärung der Welt[87],
wie sie aus dem Logos hervorgegangen ist, wie dieser sich in die Natur und den
Geist entfaltet hat und in der Philosophie zur Erkenntnis des Gesamtprozesses
kommt. Als aus der logischen Idee die Natur und aus dieser der menschliche
Geist entstand, war von Philosophie noch nicht die Rede; diese tritt erst am
Ende und im Rückblick auf die Entwicklung auf.
Stand 10/2007
[1] So Koch, Anton
Friedrich/Oberauer, Alexander/Utz, Konrad (Hg): Der Begriff als die Wahrheit.
Zum Anspruch der Hegelschen „Subjektiven Logik“, Paderborn u. a. 2003, S. 9:
„Die meisten Arbeiten kreisten um die Frage des Anfangs und um Themenkomplexe
der Wesenslogik… Bedeutende Forscher haben der Begriffslogik sogar ihr Gewicht
abgesprochen“ - und dies, obwohl Hegel selbst in der Logik des Begriffs und
deren Abschluss, der absoluten Idee, die Kulmination seiner Logik und in
gewissem Sinne auch das Zentrum seiner ganzen Philosophie sah (Karakus, Attila: Rezension zu Koch/Oberauer/Utz, Der
Begriff als die Wahrheit, in: Hegel-Studien 38
(2003), S. 201).
[2] So explizit Van der
Meulen, Jan: Hegel. Die gebrochene Mitte, Hamburg 1958, S. 71, 96
[3] Füzesi, Nicolas: Hegels
drei Schlüsse, Freiburg/München 2004, S. 219 wendet sich mit guten
Gründen gegen den Ausdruck „Applikation“. Heede, Reinhard: Die göttliche Idee
und ihre Erscheinung in der Religion, Münster 1972, S. 269 sagt „realphilos?phische Verkörperung
einer logischen Theorie“.
[4] Hegel, Georg Wilhelm
Friedrich: Vorlesungen über Logik und Metaphysik (Hg Gloy, Karen), Hamburg
1992, S. 164 f.
[5] Hösle, Vittorio:
Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der
Intersubjektivität, Hamburg 1987, S. 141, schreibt schon 1987 von der
„Literatur, die in den letzten Jahren noch weiter angeschwollen ist, ohne dass
eine irgendwie verbindliche Klärung erreicht wurde“; Jaeschke, Walter: Die
geoffenbarte Religion, in: Schnädelbach, Herbert (Hg): Hegels ‚Enzyklopädie der
philosophischen Wissenschaften’ (1830). Ein Kommentar zum Systemgrundriss,
Frankfurt/M. 2000, S. 375-501 (478) konstatiert, die Forschung hierüber sei
trotz besonderer Aufmerksamkeit nicht zu einem weitgehend akzeptierten Ergebnis
gekommen.
[6] Von den
Kommentierungen, die nicht im Detail wiedergegeben werden können, seien
genannt: Angehrn, Emil: Freiheit und System bei Hegel, Berlin 1977, S. 397-405;
Chapelle, Albert: Hegel et la religion, Paris 1964;
Geraets, Théophile F.: Les trois lectures philosophiques de l’Encyclopédie oú
la réalisation du concept de la philosophie chez Hegel, in: Hegel-Studien 10
(1975), S. 231-254; Hösle, Hegels System S. 140 ff.; Jarczyk,
Gwendoline: La philosophie dans son concept est ‚La vérité en acte de savoir’,
in: Henrich, Dieter/Horstmann, Rolf-Peter: Hegels Logik der Philosophie,
Stuttgart 1984, S. 63-69; Peperzak, Adriaan: Selbsterkenntnis des Absoluten,
Stuttgart 1987; Splett, Jörg: Die Trinitätslehre G. W. F. Hegels,
Freiburg/München 1965, S. 83; Stern, Robert: Hegel, Kant and the structure of
the object, London/New York 1990, S. 115-129
[7] Heede, Göttliche Idee S.
269 fragt nach der „syllogistischen Struktur“.
[8] Peperzak,
Selbsterkenntnis bezweifelt, ob „die Frage, wie die Schlüsse der drei letzten
Paragraphen unter die verschiedenen Figuren der formalen Schlüsse zu
subsumieren sind, der Intention Hegels … angemessen“ sei. Jaeschke, Die
geoffenbarte Religion S. 480, 482 hält es für nicht unproblematisch, die
Struktur der §§ 575-577 der Wissenschaft der Logik „auf die Schlusslehre
abzubilden“, versucht aber umgekehrt, jedoch erfolglos, die Schlüsse der
Syllogistik auf die genannten drei Paragraphen abzubilden.
[9] Z. B. der Geschichte
der Philosophie; dies vertreten vor allem frühere Autoren wie Michelet,
Erdmann, Fischer, neuer Bloch; nach Rosenkranz bezeichnen die Schlüsse den
rationalistischen, naturalistischen und spiritualistischen Standpunkt:
Beaufort, Jan: Die drei Schlüsse. Untersuchungen zur Stellung der
„Phänomenologie“ in Hegels System der Wissenschaft, Würzburg 1983, S. 203 Fn 49
m. w. Nachw. Nach einer anderen Variante sei der 1. Schluss die Enzyklopädie,
der 2. die Phänomenologie, der 3. die Logik. Chapelle und Léonard (Léonard, André : Commentaire littéral de la logique de
Hegel, Paris 1974) parallelisieren sie mit den Vorlesungen über die
Religionsphilosophie (1. Schluss), dem Religionskapitel der Phänomenologie (2.
Schluss) und der Struktur der geoffenbarten Religion in der Enzyklopädie (3.
Schluss; so Heede, Die göttliche Idee S. 304). Hösle, Hegels System S. 141
spricht von einer barocken Vielfalt der Interpretationen.
[10] Füzesi, Drei Schlüsse S.
201
[11] Van der Meulen,
Gebrochene Mitte S. 45
[12] ebd. S. 15, 339
[13] ebd. S 2 f., 71, 96,
339; Heede, Göttliche Idee S. 302 dagegen verwirft die Auffassung, dass der
Urschluss von den drei Schlüssen am Ende der Philosophie gebildet werde, und
nimmt statt dessen an, er werde von der Logik gebildet.
[14] Van der Meulen,
Gebrochene Mitte S. 9
[15] ebd. S. 15
[16] ebd. S.106
[17] ebd. S.110
[18] Hegel, Georg Wilhelm
Friedrich: Werke in zwanzig Bänden. Theorie Werkausgabe, Frankfurt am Main
1970, Band 8: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse
(1830). Erster Teil: Die Wissenschaft der Logik. Mit den mündlichen Zusätzen,
S. 364 (§ 208)
[19] Van der Meulen,
Gebrochene Mitte S. 5
[20] ebd. S. 96, 101
[21] ebd. S. 97; dazu Wandschneider, Dieter: Grundzüge einer Theorie der Dialektik. Rekonstruktion und Revision dialektischer Kategorienentwicklung in Hegels „Wissenschaft der Logik“, Stuttgart 1995, S. 98 Fn 87
[22] Van der Meulen,
Gebrochene Mitte S. 344 f.
[23] ebd. S. 341
[24] ebd. S. 96
[25] Bruaire,
Claude, Logique et religion chrétienne dans la philosophie de Hegel, Paris
1964, S. 94
[26] ebd. S. 101 f.
[27] Jarczyk, Vérité S. 66
[28] nach Hegel, Georg
Wilhelm Friedrich: Werke in zwanzig Bänden. Theorie Werkausgabe, Frankfurt am
Main 1970, Band 6: Wissenschaft der Logik II, S. 571
[29] Fulda, Hans
Friedrich: Das Problem einer Einleitung in Hegels Wissenschaft der Logik,
Frankfurt/M. 1965, S. 295, 297
[30] ebd. S. 260
[31] ebd. S. 283 Fn 25
[32] ebd. S. 260
[33] ebd. S. 287
[34] Theunissen, Michael:
Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat, Berlin
1970, S. 11
[35] ebd. S. 292
[36] ebd. S. 276 f., 284, 316
[37]
Heede, Die göttliche Idee S. 319. Sie sei so elastisch, dass sie sich durch den
Text nicht kontrollieren lasse.
[38] Theunissen, Traktat S.
312
[39] ebd. S. 311
[40] ebd. S. 316
[41] ebd. S. 312
[42] ebd. S. 316
[43] ebd. S. 321
[44] Heede, Die göttliche
Idee S. 339
[45] ebd. S. 271
[46] ebd. S. 280 f.
[47] ebd. S. 295
[48] Plat?n,
Tímaios 32b
[49] Heede, Die göttliche
Idee S. 270, 313
[50] ebd. S. 336 f.: Logische
Idee - Natur - Geist: A - B - E. 2. Schluss B - E - A, 3. Schluss
E - A - B
[51] Puntel, Lorenz Bruno:
Darstellung, Methode und Struktur. Untersuchungen zur Einheit der
systematischen Philosophie G. W. F. Hegels, in: Hegel-Studien, Beiheft 10, Bonn
1973, S. 45
[52] Fulda, Einleitung S. 284
ff.
[53] ebd. S. XII, 287
[54]
Puntel, Lorenz Bruno: Hegel heute. Zur ‚Wissenschaft der Logik’ (I), in:
Philosophisches Jahrbuch 82 (1975), S. 132-162 (158)
[55]
Geraets, Théophile F. : Les trois lectures philosophiques de
l’Encyclopédie oú la réalisation du concept de la philosophie chez Hegel, in:
Hegel-Studien 10 (1975), S. 231-254
[56] Beaufort, Jan: Die
drei Schlüsse. Untersuchungen zur Stellung der „Phänomenologie“ in Hegels
System der Wissenschaft, Würzburg 1983, S. 1
[57] ebd. S. 224
[58] ebd. S. 219
[59] Steinherr, Thomas:
Der Begriff ‚Absoluter Geist’ in der Philosophie G. W. Hegels, St. Ottilien
1992, S. 14
[60] ebd. S. 211 ff.
[61] ebd. S. 162
[62] Csikós, Ella: Die drei Schlüsse der
absoluten Vermittlung, in: Hegel-Jahrbuch 2004, S. 80-84
[63] Füzesi, Nicolas:
Hegels drei Schlüsse, Freiburg/München 2004, S.16
[64] ebd. S. 26
[65] ebd. S. 32
[66] ebd. S. 16
[67] ebd. S. 33
[68] ebd. S. 34
[69] ebd. S. 2
[70] ebd. S. 336 f.: Logische
Idee - Natur - Geist: A-B-E. 2. Schluss B-E-A, 3. Schluss E-A-B
[71] ebd. S. 204
[72] ebd. S. 197
[73] Er nennt die Frage
selbst eine sekundäre (ebd. S. 195).
[74] s. a. S. 32
[75] ebd. S. 196
[76] ebd.
[77] ebd.
[78] ebd. S. 221
[79] (oder die Umkehrung); s.
Hegel, Wissenschaft der Logik II S. 399
[80] Das sei der in der
Forschung verbindliche Standard (Füzesi, Hegels drei Schlüsse S. 197 Fn 31)
[81] ebd. S. 198; 210 f.; 216
[82] ebd. S. 202 f.
[83] Zu dieser bekennt sich
Füzesi ebd. S. 209; sie wird dem ersten Schluss die Naturphilosophie zugeordnet
(S. 222).
[84] unter Berufung auf den
Text des § 574 der Enzyklopädie
[85] z. B. ebd. S. 35, 237f.
[86] ebd. S. 198
[87] Füzesi zitiert Hegel
selbst, dieser spreche vom letzten Schluss als „Bild der vernünftigen
Weltanschauung“ (ebd. S. 198); Heimann verwendet den Terminus „Weltsyllogismus“
(Heimann, Betty: System und Methode in Hegels Philosophie, Leipzig 1927, S.
379).
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