Weil
Hegel aber diese zweigliedrige Form des Urteils oder Satzes zu einer dreigliedrigen
Form weitergeführt hat, ist für ihn „die Form“ der aus drei Elementen
bestehende Begriff geworden, der das Allgemeine, das Besondere und das Einzelne
umfasst, wohingegen das Kantische Urteil „Die Rose ist rot“ nur aussagt: „Das
Einzelne ist allgemein“, also nur zwei Seiten enthält.
Für Hegel
sind hingegen die Grundbausteine des Denkens
Sie bilden gemeinsam den Begriff und werden
Begriffsmomente oder –elemente genannt. Unser alltagssprachlicher Begriff
umfasst dagegen nur das Allgemeine, ohne das Besondere und Einzelne. Das
Allgemeine, z.B. der Begriff „Stuhl“, enthält alle Stühle dieser Welt in sich;
aber deshalb kann er nicht alle beliebigen Besonderheiten der verschiedenen
Stühle enthalten, ob sie sie braun oder gelb, aus Holz oder Eisen sind,
gepolstert oder nicht, sondern nur die wesentlichen: vier (oder drei oder fünf)
Beine, eine Sitzfläche und eine Lehne, damit man darauf sitzen kann. Der einzelne
Stuhl hingegen hat darüber hinaus eine unübersehbare Fülle von Eigenschaften:
Größe, Gewicht, Material, Farbe, Preis, Herstellungsort, Alter, Schönheit,
Bequemlichkeit und eine riesige Anzahl von Molekülen, Atomen und Quarks. Wenn
wir ihn also sehen und denken „Das ist ein Stuhl“, dann abstrahieren wir aus
dieser Fülle die wenigen wesentlichen Bestimmungen heraus und schließen daraus
auf seine allgemeine Natur. Wir schließen vom Einzelnen über das Besondere auf
das Allgemeine. Hegel hat dafür Abkürzungen verwendet und nennt diesen Schluss
E – B – A.
Die
Lehre von den Schlüssen wurde schon von Aristoteles ausgearbeitet. Von ihm
stammt auch die Bezeichnung ihrer Aussenpositionen als Extreme. Das erklärt
sich so: Das Einzelne ist nur eins, hat also den kleinsten Umfang, während das
Allgemeine, das alles umfasst, den größten Umfang hat. Sie bilden deshalb die
Extreme vom Kleinsten zum Grössten, während das Besondere in der Mitte steht
und zwischen ihnen vermittelt. Allerdings hat Hegel herausgefunden, dass es sich
ausserdem auch genau entgegengesetzt verhält: Das Allgemeine hat den kleinsten
Umfang an Begriffsmerkmalen, während das Einzelne den grössten hat. Darauf
beruht die Dialektik, dass jedes sein eigenes Gegenteil ist und deshalb immer
eins ins andere übergehen muss.
Das
Verhältnis des Allgemeinen zum Einzelnen ist auch das des Ganzen zu seinen
Teilen, der Einheit zur Mannigfaltigkeit, des Einen zu den Vielen oder des Systems
zu seinen Elementen. Hegels System erfüllt deshalb auch die Anforderungen, die
an eine Systemtheorie zu stellen sind. Das Spezifische bei ihm ist, dass das
Ganze mit seinen Teilen nicht unmittelbar zusammenhängt, sondern durch eine
Vermittlung.
Er hat ja, wie gesagt, nicht alles in
seinem System selbst erfunden, sondern eine Synthese der Philosophiegeschichte
bis zu seiner Zeit geschaffen – so zumindest sein Anspruch. Den Begriff und die
Begriffsmomente hat er von Kant
übernommen. Dieser hatte ein neues System der Denkbestimmungen oder Kategorien
aufgestellt, die von Aristoteles
überkommen, aber nach Kants Meinung
nur so aufgerafft waren, wie sie dem Aristoteles
aufstiessen. Es waren die folgenden:
Substanz
Quantität
Qualität
Relation
Ort
Zeit
Lage
Haben
Tun
Erleiden
Das ist für jeden von uns von großer Wichtigkeit;
sind es doch die grundlegenden Denkwerkzeuge, die wir in jedem Augenblick
unseres Lebens bewusst oder unbewusst benutzen.
Kant hat sie nun grundlegend überarbeitet und in ein
System gebracht, das – in halbwegs verständlichen Worten formuliert – folgendermassen
aussieht:
|
Kants
Kategorientafel |
|
|
Quantität |
eins viele alle |
|
Qualität |
Realität (ja/existiert) Negation (nein/existiert nicht) Grenze |
|
Relation |
Substanz und Eigenschaften Ursache und Wirkung Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen Aktivem und
Passivem) |
|
Modalität |
Möglichkeit Wirklichkeit Notwendigkeit |
Die Kategorien hat Kant von den Urteilen abgeleitet,
weil nach seiner Auffassung alles Denken in Urteilen stattfindet. In einem
Urteil wie „Die Rose ist rot“ oder „Der Angeklagte ist ein Dieb“ werden zwei
Größen gedanklich miteinander verknüpft. Wir haben schon gesehen, dass Hegel kritisch darüber
hinausgeht und im Schluss drei Elemente miteinander verknüpft. Die Urteilstafel
ist nahezu identisch aufgebaut wie die Kategorientafel:
|
Kants Urteilstafel |
|
|
Quantität der
Urteile |
Allgemeine Besondere Einzelne |
|
Qualität |
Bejahende Verneinende Unendliche |
|
Relation |
Kategorische (etwas
gehört einer Art an) Hypothetische (wenn
– dann: Kausalität) Disjunktive
(Einteilung) |
|
Modalität |
Möglichkeit Wirklichkeit Notwendigkeit |
Hier sehen wir nun an erster Stelle die später beiHegel so grundlegenden Elemente Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit.
Hegel hat die gesamte Urteilstafel fast unverändert übernommen, mit einer
Ausnahme: er hat die Qualität an die erste Stelle gesetzt und die Quantität an
die zweite, und er hat den Überschriften in der ersten Spalte andere
Bezeichnungen gegeben:
|
Hegels Schema der Urteile |
|
|
Urteile des Daseins |
Bejahende Verneinende Unendliche |
|
Urteile der Reflexion |
Allgemeine Besondere Einzelne |
|
Urteile der Notwendigkeit |
Kategorische (etwas
gehört einer Art an) Hypothetische (wenn
– dann: Kausalität) Disjunktive
(Einteilung) |
|
Urteile des Begriffs |
Möglichkeit Wirklichkeit Notwendigkeit |
Die natürlich sehr tiefsinnige Bedeutung dieser neuen
Bezeichnungen erörtern wir jetzt nicht. Wichtig ist, dass Hegel das zweiseitige
Urteil noch als eine sehr unzulängliche Form der Erkenntnis ansieht. In ihm
stehen die beiden Seiten einander fremd gegenüber. Durch die Kopula (das
Verbindungsglied) „ist“ sind sie nicht so sehr verbunden als getrennt. Das
Ur-teil ist für Hegel nach dem damals geltenden etymologischen Verständnis eine
ursprüngliche Teilung. Deshalb steht das Urteil für Zerrissenheit und
Entfremdung. Das ist von ungeheurer Tragweite nicht nur für die Philosophie
geworden, sondern auch für die Geschichte und die Politik. Im Tiefsten geht die
Entfremdung schon auf Descartes zurück, der mit seinem „Cogito, ergo sum“ (Ich
denke, also bin ich) die Grundlage für das neuzeitliche Denken zum Ausdruck
brachte. Das bedeutete: Das Einzige, dessen ich mir sicher sein kann, ist mein
eigenes Denken (und Zweifeln); die Welt um mich her ist mir nicht gewiss, denn
meine Wahrnehmungen können auf Sinnestäuschungen beruhen. Damit war der
Zwiespalt zwischen Ich und Welt, der res cogitans und der res extensa (dem
denkenden und dem ausgedehnten Ding) schon angelegt. Gerade die Ungewissheit
über die umgebende Welt bildete dann den Stachel für die unerhörte Entfaltung
der Naturwissenschaften. Man wollte wissen, wie denn diese Welt nun beschaffen
ist. Es war wesentlich Rousseau, der die Analyse der Entfremdung des modernen
Menschen lieferte, die dann von Schiller, Hegel und Marx aufgegriffen wurde. Durch
die Fortschritte von Wissenschaft und Technik sei der einzelne Mensch
spezialisiert und in seinen Fähigkeiten verkümmert. Nicht zuletzt deshalb war
es ein wesentliches Motiv von Schillers Freiheitspathos, sich eine andere Welt
als die bestehende vorstellen zu dürfen. Man kann sich heute schwer vorstellen,
wie diese feinfühligen Intellektuellen unter dem von ihnen empfundenen
Zwiespalt zwischen Ich und Welt litten. Manche führen es gar darauf zurück,
dass Hölderlin dem Wahnsinn verfiel. Er war Anhänger der Versöhnungsphilosophie,
die gerade diesen Zwiespalt versöhnen sollte. Er reiste eigens mit seinem
Freund Sinclair zu Hegel nach Frankfurt, um ihm das Anliegen der Versöhnung für
seine philosophischen Bemühungen aufzunötigen – mit Erfolg. Denn Hegel hat mit
der Denkfigur des Schlusses die Vermittlung zwischen den beiden entgegengesetzten
Instanzen des Urteils zur Geltung gebracht. Zwischen dem Einzelnen und dem
Allgemeinen vermittelt das Besondere. Damit schuf er die logisch-philosophische
Grundlage für die Versöhnung mit der Welt, während Fichte in seinem „praktischen Idealismus“ postulierte: das Ich setzt das
Nicht-Ich frei und unbedingt aus sich selbst heraus, es schafft sich also seine
Welt nach eigenem Gutdünken. Auch Schelling forderte eine systemverändernde
Praxis, die das Gebäude der logischen Notwendigkeit durchbrechen müsse.
Friedrich Engels hat bei ihm Vorlesungen gehört. Für Novalis sollte ein
Machtwort des Philosophen eine andere Welt an die Stelle der bloß zu
erklärenden setzen. Er litt an dem Ungenügen, dass die Philosophen die Welt nur
erklären, aber nicht verändern können, ganz wie es Marx dann in seiner
Feuerbach-These formulierte. Marx wandte sich mit großer Schärfe gegen Hegels
Denkfigur der Vermittlung und hielt an der Entzweiung und Entfremdung fest, die
nur zum Klassenkampf führen könne. Dieses Machtwort eines Philosophen gipfelte
schliesslich in der Oktoberrevolution und der dagegen gerichteten Konterrevolution
des Faschismus.
Mit diesem Hintergrund erkennen wir besser, was es
bedeutete, wenn Hegel nun auch ein Schema der Schlüsse aufstellte. Es folgt
immer noch der Systematik von Kants Urteils- und Kategorientafel, nur dass ihm
die vierte Ebene fehlt.
|
Hegels Schema der Schlüsse |
|
|
Schlüsse des Daseins |
1. Figur (des Aristoteles) 2. Figur 3. Figur |
|
Schlüsse der Reflexion |
Allheit Induktion Analogie |
|
Schlüsse der Notwendigkeit |
Kategorisch Hypothetisch Disjunktiv |
Ein Schluss funktioniert folgendermassen:
Sokrates ist ein Mensch der einzelne ist etwas Besonderes
Alle Menschen sind sterblich die Besonderen sind allgemein
Also ist Sokrates sterblich also ist Sokrates allgemein
Hegel kürzt die Elemente der Schlüsse (die „Begriffsmomente“)
auch ab, und zwar E, B und A. Der Schluss hat dann die Form E – B – A, das
bedeutet: es wird vom Einzelnen über das Besondere auf das Allgemeine
geschlossen. Schon Kant bemerkte, dass mit einem solch einfachen Schluss das
Einzelne in Beziehung zum Ganzen gesetzt wird. Mit diesem Schluss – es gibt
noch viele andere – wird ein Denkprozess beschrieben; wir sind es, die dem
Subjekt Sokrates das Prädikat Mensch beilegen, und dem Menschen das Prädikat
sterblich. Die Schlüsse beschreiben aber nach Hegels Auffassung nicht nur
Gedanken und Aussagen, sondern auch reale Entwicklungen. Ein solcher realer
Prozess ist die Entstehung und Entwicklung der Welt, die Hegel in folgendem
einfachen Schema zusammenfasst: Aus der ursprünglich schon vorhandenen
logischen, virtuellen Struktur des Begriffs, dem Logos, ist die Welt, das
materielle Universum, die Natur entstanden. Der Logos ist das Allgemeine, die
Natur das Besondere. Aus der Natur geht der Geist hervor, also der Mensch, der
das Einzelne repräsentiert. Der Schluss lautet mithin A – B – E: Das
Allgemeine, das potentiell („an sich“) die ganze Vielfalt schon in sich
enthält, besondert sich in die Mannigfaltigkeit der erscheinenden Welt, die
auch gleichzeitig Tätigkeit und Prozess ist. Die Natur ist aber ein zerstreutes
Aussereinander, dem der innere Zusammenhang fehlt. Deshalb muss es den Geist
hervorbringen, der diesen Zusammenhang, der ja im Logos „an sich“ schon
angelegt war, wieder herstellt, indem er die Natur erkennt und nach seinem
Konzept gestaltet. Im Geist, im Einzelnen, schliessen sich das zerstreute
Aussereinander und der in der Natur verborgene Logos zusammen, so dass A, B und
E eine Einheit bilden. Das ist der Grundprozess der Dialektik: Das
ursprüngliche, einfache Allgemeine tritt in die Vielfalt, die Besonderheit,
auseinander und schliesst sich mit sich selbst wieder zum Einzelnen zusammen;
denn das Einzelne ist wegen der Fülle seiner Bestimmungen auch wieder
allgemein. So kehrt das Allgemeine zu sich zurück; deshalb ist die Dialektik
ein Kreislauf.

Wie kommt dieser Prozess aber überhaupt in Gang? Was
ist der Ursprung der Bewegung? Jedes Element hat den Mangel, nicht das Ganze zu
sein; deshalb strebt es danach, sich mit dem Anderen, dem Ganzen
zusammenzuschließen. Dieser Mangel ist eine Negation, eine Verneinung. Eines
der anschaulichsten Beispiele für eine Negation ist der Hunger: Der Hunger
vernichtet, negiert uns, und zwar in kürzester Zeit, wenn er nicht gestillt
wird. Noch schneller vernichtet uns der Durst oder der Mangel an Atemluft. Diese
Vernichtung ist nicht etwas, was uns von aussen, von einer feindlichen Macht
angetan würde, sondern wir haben sie an uns. Das Essen, das Atmen, das Trinken
sind nun aber eine Negation der Negation. Die zweite Negation hebt die erste
auf, und nur dadurch können wir existieren. Unser Bestehen, die Affirmation,
die Bestätigung unserer Existenz, kommt nur durch die zweimalige Negation zustande.
Dies
ist aber nur eine Bewegungsrichtung, nämlich vom Teil zum Ganzen, vom Einzelnen
zum Allgemeinen. Aber auch umgekehrt strebt das Ganze danach, sich zu
partikularisieren, zu besondern, weil das Allgemeine „an sich“, der Möglichkeit
nach, das Besondere und Einzelne schon in sich enthält. Aus diesem Grunde muss
es diese Möglichkeit zur Wirklichkeit machen, realisieren. Die erste Stufe wird
das „An sich“ genannt, die zweite, das Auseinanderlegen heisst „für sich“, weil
hier alles getrennt von einander, für sich besteht, und die dritte, der Zusammenschluss
der drei Elemente, in dem die Bewegung ihr Ziel erreicht, ist das „An und für
sich“. Eine populäre Fassung dieser drei Stufen ist These – Antithese –
Synthese. In diesen Bewegungen strebt jedes dazu, das Andere, sein eigenes
Gegenteil zu werden, weil es an sich schon das andere ist. Daraus erklärt sich
die sonst schwer nachvollziehbare Auffassung Hegels, dass nur der Widerspruch
Wahrheit hat, während Widerspruchsfreiheit Unwahrheit bedeutet – natürlich
völlig im Widerspruch zu den vor ihm und nach ihm gängigen Auffassungen, auch
der heutigen Zeit. Wir kennen dies als eine Grundaussage der Dialektik: Alles
ist widersprüchlich. Daraus begründet sich auch, warum alles in Bewegung ist,
Prozess ist, Veränderung, sich ständig in (sein) anderes verwandelt.
Diese
Dreistufigkeit vollzieht sich auch in der Entwicklung vom Begriff über das
Urteil zum Schluss. Im Begriff ist alles, das Allgemeine, Besondere und
Einzelne, noch unentfaltet beisammen. Im Urteil entfaltet es sich in zwei
Seiten: Die Rose ist rot, Subjekt und Prädikat. Unser normales Denken ist über
diese Stufe noch nicht hinausgekommen. Hegel nennt das Reflexion: Wir
reflektieren, räsonieren über eine Welt, die wir als uns fremd gegenüberstehend
empfinden, die berühmte Entfremdung, ohne zu bemerken, dass der Gegenstand, den
wir betrachten, ein Teil von uns ist, weil wir ihn ja durch unser Denken in uns
aufgenommen haben. Wir haben ihn verändert, haben ihn zu etwas ganz anderem
gemacht, als er war, nämlich aus einem Ding in einen Gedanken verwandelt. Im
Englischen sind thing und think sprachlich noch näher verwandt. Die
Entfremdung, die Zweiseitigkeit und Zerrissenheit des Ur-Teils, der
„ursprünglichen Teilung“, wird erst durch den Schluss überwunden, weil dort
zwischen die zwei entfremdeten Glieder ein drittes tritt, zwischen ihnen vermittelt
und sie versöhnt. Auch die Subjekt-Objekt-Spaltung, unter der Hölderlin so sehr
litt, wird dadurch überwunden.
Es
ist allerdings sehr erstaunlich zu sehen, welches dieses dritte, vermittelnde
Glied ist. Wo soll es überhaupt herkommen? Wir haben ja schon gesehen, dass zwischen
den Extremen, dem Allgemeinen und dem Einzelnen, dem Größten und dem Kleinsten,
noch etwas in der Mitte steht, nämlich das Besondere. Zwischen der Gesamtheit,
die alles umfasst, und dem Einzelnen, das nur ein einziges ist, gibt es auch
die vielen, es gibt einige, manche, die meisten usw. Deshalb steht in dem
Schluss A – B – E das Besondere in der Mitte, ebenso wie im Schluss E – B –
A. Das eigentlich Raffinierte und
Überraschende ist jetzt aber, dass auch A und E in die Mitte treten können. Sie
wechseln miteinander die Stelle. Wenn es zunächst A – B – E hieß, so tritt als
nächstes E in die Mitte: B – E – A, und schließlich bildet A die Mitte: E – A –
B. Schreibt man das untereinander, so ergibt sich folgende Reihung:
Das nennt Hegel den dreifachen oder absoluten
Schluss, und der beschreibt in abstrakt-logischer Form die Entwicklung der Welt
(der Objektivität). Indem immer eines zwischen die beiden anderen tritt, wird
nichts von außen bestimmt, sondern es bestimmt sich selbst; deshalb ist die
Entwicklung der Welt auf Selbstbestimmung und Freiheit gerichtet. Jedes
entwickelt sich zu dem, was es an sich schon ist. Das begründet die Übereinstimmung
mit sich selbst, die zur Harmonie führt. Jeder Schluss ist durch sein
Mittelglied begründet, also nicht willkürlich einfach so gesetzt wie das Urteil
mit seinen auseinandergetretenen zwei Seiten. Diese Entfremdung wird durch den
Wieder-Zusammenschluss der zwei getrennten Seiten überwunden und versöhnt. Weil
jedes seine Begründung, seinen Grund hat, ist es vernünftig. Darin liegt die
tiefste Wurzel für die Vernunft.
Jedes
Element, jedes Begriffsmoment (A, B und E) ist „an sich“ auch schon die
anderen. Nur deshalb kann es auch „für sich“ und „an und für sich“ die anderen
werden. Das funktioniert nun auf eine recht komplizierte Weise. In dem
erwähnten dreifachen Schluss sind die Elemente auf der ersten Stufe noch
einfach; auf der zweiten Stufe doppelt und auf der dritten dreifach:
E – B – A
AE – EB – BA
BAE – AEB – EBA
Dies kommt dadurch zustande, dass nicht nur jedes
Element eine logische Bedeutung hat, sondern auch die Stelle, an der es steht. Die
erste Stelle ist die der Einzelheit. Wenn nun A an die erste Stelle tritt,
verbindet es sich mit E zu AE, und der Rest verläuft entsprechend. Am Schluss
hat sich jedes Moment um die beiden anderen angereichert und enthält sie
dadurch alle drei. Das ist jedesmal das eigentliche Ziel der Entwicklung, dass
etwas nicht so einfach, unentwickelt und abstrakt bleibt, wie es am Anfang ist,
sondern sich zur konkreten Fülle und Mannigfaltigkeit entfaltet und entwickelt,
die aber in einer Einheit zusammengehalten ist. Diese Stufenfolge durchläuft
auch Hegels Logik: Am Anfang steht der Begriff, der einfach ist. Dann entfaltet
er sich in das Urteil, das zwei Seiten hat, und schließlich in den Schluss mit
seinen drei Seiten. Das ist der berühmte Hegelsche Dreischritt, der eben nicht
so einfach ist wie „These – Antithese – Synthese“.
An
einem sehr grundlegenden Beispiel lässt sich das verdeutlichen. Hegel hat in
einem seiner wichtigsten absoluten Schlüsse, wie schon gezeigt, die Entstehung
und Entwicklung der Welt aus der logischen Idee über die Natur zum Geist logisch
nachgezeichnet. Auf der ersten Stufe entsteht aus dem Logos das materielle
Universum und daraus der Mensch mit seinem Geist:
Logos – Natur –
Geist A –
B – E
Auf der zweiten Stufe tritt der Geist, der Mensch,
der zuvor der Endpunkt und das Resultat der Entwicklung war, in die Mitte und
vermittelt zwischen Natur und Logos:
Natur – Geist –
Logos B –
E - A
Er erkennt mit Hilfe seines (logischen) Denkens die
Natur und macht aus ihr ein vernünftiges, seinen Bedürfnissen entsprechendes System.
Im dritten Entwicklungsschritt – den wir
vermutlich noch vor uns haben – tritt der Logos in die Mitte:
Geist – Logos –
Natur E –
A – B
Hier eignet sich der Geist (der Mensch) die Logik an,
die jetzt vor allem Wissenschaft ist und als Naturwissenschaft die Gesetze der
Natur aufdeckt, aber insbesondere als Philosophie in der mittleren,
vermittelnden Position das Bewusstsein darüber schafft, dass der Mensch die in
der Welt, der Natur herrschende Vernunft erkannt und zur Realität gebracht hat.
Die Philosophie, die jetzt als Allgemeines in der Mitte steht und so die
anderen Momente übergreift, ist die Metawissenschaft für die Einzelwissenschaften.
Hegel nennt diesen Schluss deshalb den Schluss der philosophischen Wissenschaft,
was zu dem Missverständnis geführt hat, die in ihm enthaltenen drei Schlüsse
würden das Gesamtsystem der Hegelschen Philosophie abbilden. Insgesamt stellt
er sich wie folgt dar:
Dies ist das Grundschema, sozusagen eine Weltformel,
nach der auch andere Sachverhalte strukturiert sind. Von diesen sollen
nachfolgend nur noch einige im Überblick dargestellt werden.
Der Schluss der Religion ist ganz ähnlich
aufgebaut wie der der Philosophie, weil die Religion dieselbe Wahrheit
wiedergibt, nur in der Form der Vorstellung statt des Gedankens. Gott vertritt
hier die Stelle des Logos, der ja bekanntlich im Johannes-Evangelium als Anfang
von allem bezeichnet wird: Am Anfang war der Logos, was allerdings meist
übersetzt wird mit „Am Anfang war das Wort“. Gott hat die Welt geschaffen und
Christus in die Welt entsandt, um sie zu erlösen; Welt und Christus vertreten
die Besonderheit. Der Geist, der Mensch, ist auch hier das logische Moment der
Einzelheit; er kehrt, wenn der Heilige Geist über ihn kommt, in Anbetung zu
Gott zurück.
Am Ende der Subjektivität geht Hegel, wenn die
logische Struktur der Schlüsse und damit des Begriffs voll entwickelt ist, zur
Objektivität über. Offensichtlich konnte das materielle Universum erst
entstehen, als die logische Struktur bereitstand. So beginnt auch die
Objektivität wieder mit dem Einfachsten, Abstrakten, Unentfalteten, und das ist
der Mechanismus. Mechanisch nennen wir ein Verfahren oder eine Denkweise, die
noch sehr äußerlich und schematisch ist, die einen Gegenstand noch nicht
durchdrungen hat. So ist das erste Auftreten dieser logischen Stufe das Sonnensystem
oder die Himmelsmechanik, in der die einzelnen Objekte einander noch vollkommen
äußerlich sind. Die Sonne ist das Allgemeine, der Mond (die Trabanten) das
Besondere und die Erde das Einzelne:
·
Trabanten – Planeten –
Sonne E – B – A
·
Sonne – Trabanten – Planeten A
– E – B
·
Planeten – Sonne
–Trabanten B – A – E
Am Schluss der Entwicklung steht die Sonne als das
Zentrum des Sonnensystems in der Mitte des Schlusses.
Der
Staat bzw. die Gesellschaft funktionieren nach demselben logischen Schema,
wobei Hegels „System der Bedürfnisse“ hier mit „Wirtschaft“ übersetzt ist:
·
Individuum – Wirtschaft
– Gesellschaft E – B – A
·
Gesellschaft –
Individuum – Wirtschaft A – E –
B
·
Wirtschaft – Staat –
Individuum B – A – E
Wenn diese logische Stufe durchlaufen ist, sind die
Objekte in ein Spannungsverhältnis zueinander getreten. Immer geht es um das
Verhältnis des Ganzen zu seinen Elementen oder Teilen. Daraus ergibt sich die
nächste logische Stufe, die Hegel den Chemismus nennt. Hier stehen die Elemente
in einem Spannungsverhältnis; sie streben zueinander, aber anders als im
Sonnensystem, wo es zur Katastrophe führen würde, können sie das in der Chemie
auch verwirklichen. Sie haben das Bestreben, ihre Einseitigkeit aufzuheben und
sich auch in der Realität zu dem Ganzen zu machen, das sie ihrem Begriff nach
schon sind. Das geschieht so, dass sich ein neutraler Stoff differenziert (A
besondert sich in B) und diese differenten Produkte sich zu einem anderen
Neutralen, dem Produkt, durch Reduktion vereinigen.
Es ist nicht so, wie häufig angenommen wird, dass
Hegel keine Ahnung von der Chemie seiner Zeit hatte, die ja vor allem durch
Lavoisier ihre heute noch gültigen Grundlagen erhalten hat; im Gegenteil, er
kannte den Forschungsstand sehr gründlich. Es handelt sich aber nicht nur um
Aussagen über die Chemie, sondern ein grundlegendes logisches Verhältnis, das
auch für ganz andere Bereiche Gültigkeit beansprucht, so für das Verhältnis von
Personen zueinander, etwa in Liebe, Freundschaft, das Geschlechtsverhältnis,
aber auch die Sprache. Auch das Geschlechtsverhältnis ist nach der Logik des
Begriffs strukturiert; die Frau ist das Allgemeine, die das Besondere (den
Mann) und das Einzelne (das Kind) in sich schließt, während der Mann von sich
wegstrebt.
Bis hierher ist der Mangel im Verhältnis der Gegenstände
zueinander, dass sie noch verschieden sind und bleiben. Erst im nächsten
Schritt kommt es dahin, dass sie sowohl verschieden als auch identisch sind,
dass eins das andere ist, das es selbst ist. Dies Verhältnis ist der Zweck oder
die Teleologie. Hier wird ein Zweck gesetzt, der zunächst eine reine Absicht
ist, also noch keinerlei materielle Realität besitzt, der sich aber selbst in
Gang setzt, indem er die Tätigkeit aufnimmt, die den Zweck realisieren soll,
und die dafür notwendigen Mittel bereitstellt, und schließlich den Zweck auch
realisiert. Dann ist dasselbe erreicht, was schon am Anfang stand, nur mit dem
Unterschied, dass es zu Beginn ideell war und jetzt real ist.
Etwas ausdifferenziert stellt sich der Zusammenhang
etwa wie im folgenden Bild dar:

Die Zahlenwerte +10.0 sind rein datentechnischbedingt und sind zu vernachlässigen.
Wieder schließt sich eine weit höhere logische Stufe
an, das Leben. Hier sind die einzelnen Elemente in einer organischen Einheit so
zusammengeschlossen, das eines nicht ohne die anderen existieren kann; wenn die
Hand abgehackt wird, hört sie auf, eine Hand zu sein. Dementsprechend ist die
logische Struktur wesentlich komplexer; sie besteht aus den drei absoluten
Schlüssen des
Auf diesen elementaren Bereichen beruht ja auch das
Leben; es ist aber weit mehr als die Summe seiner Elemente. Das Leben, und zwar
das pflanzliche und das tierische, reproduziert ständig sich selbst; die
Pflanze entsteht aus dem Samenkorn, aber darin endet sie auch und beginnt
wieder von vorn ein neues Individuum. Das alte aber stirbt und geht in seiner
Gattung unter. Diese Unzulänglichkeit wird dadurch überwunden, dass aus dem Leben
der Geist, also der denkende Mensch entsteht. Er denkt aber nicht nur, wie man
das von einem idealistischen Philosophen erwarten würde, sondern er handelt vor
allem. Die beste Idee nützt nichts, wenn sie nicht durch die Praxis realisiert
wird – ein sehr sympathischer und oft missachteter Gedanke. Deshalb ist die
Person – und sie ist der End- und Gipfelpunkt von Hegels Logik – logisch
strukturiert als ein dreifacher Schluss aus Erkennen, Handeln und der Selbsterkenntnis
über diesen Sachverhalt. Im Schluss des Erkennens leiten wir aus der
Beobachtung einzelner Gegenstände durch Induktion allgemeine Begriffe ab, etwa
aus der Tatsache, dass ein Mensch Rock und Bluse trägt, dass es sich um eine
Frau handelt. Wir schließen vom Einzelnen auf etwas Allgemeines : E – A. Aus
diesem Begriff können wir dann aber durch Deduktion weitere, nicht ohne
weiteres sinnlich wahrnehmbare, besondere Eigenschaften ableiten: A – B. Das
ist Hegels Entgegnung auf Kants Aussage, man könne das Ding-an-sich nicht
erkennen, wir trügen nur unsere Begriffe an das Ding heran. Nein, wir haben sie
schon vorher aus dem Ding gewonnen! Das Erkennen verläuft also als Schluss E –
A – B.
Dann muss aber das für richtig Erkannte
(das Gute) auch realisiert, in die Tat umgesetzt werden. Das verläuft so wie
der oben beschriebene Schluss der Teleologie: Der Zweck, ein Gedanke, wird
übersetzt in Tätigkeit und Mittel und dadurch realisiert im Produkt: A – B – E.
Wenn man diese beiden Schlüsse untereinanderschreibt, ergibt sich ein dritter
Schluss wie von selbst:
Der Mensch steht jetzt als einzelner, als Subjekt,
wie es sich gehört, im Mittelpunkt und macht aus der vorausgesetzten Welt durch
seine Tätigkeit etwas Vernünftiges. Eine vernünftig gestaltete Welt steht am
Ende und ist das Resultat des gesamten logischen Prozesses.
Als
Resumee bleibt noch, sozusagen als verallgemeinerter Extrakt aus all den
logischen Schritten, die dialektische Methode. Auch sie ist als Schluss
strukturiert. Das Allgemeine legt sich auseinander in seine besonderen Seiten,
und diese schließen sich zum Einzelnen zusammen: A – B – E. Dadurch ist das
Einzelne mit dem Allgemeinen (und umgekehrt) vermittelt. Aber A und B sind
nicht vermittelt, und B und E auch nicht. Das muss aber geschehen. Deshalb
vermittelt nun E zwischen A und B in dem Schluss B – E – A. Anschliessend tritt
A in die Mitte zwischen E und B: E – A
– B, zusammengefasst:
Somit ist die dialektische Methode identisch mit dem
absoluten Schluss.
|
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